Niwaki und die Azalee: Über die alte japanische Kunst, einem Strauch seine wahre Gestalt zu geben

Es war vor einigen Jahren, bei einem Besuch im Shisen-do, jenem kleinen Tempelgarten in den Hügeln nördlich von Kyoto, den der Gelehrte und Dichter Ishikawa Jozan im Jahr 1641 als Klausner-Refugium errichten liess und dem er den Namen «Haus der Dichterporträts» gab, dass ich zum ersten Mal wirklich verstand, was es bedeutet, einer Pflanze ihre wahre Gestalt zu geben — und nicht etwa eine Gestalt aufzuzwingen, was der entscheidende Unterschied ist.
Die japanischen Azaleen des Gartens standen in jenem Moment als sanft gerundete, kompakt ineinandergreifende Kissen, so tief in die Form eingearbeitet, dass sie wie grüne Hügel wirkten, aus denen ein Traum geformt worden war; dazwischen herrschte jene Stille, die die Japaner “Ma” nennen — die sorgfältig geformte Leere zwischen Dingen, die erst durch ihre Abwesenheit vollständig wird —, und das einzige Geräusch war das hohle, unregelmässige Schlagen eines Bambuswasserfängers, der kippte und das Wasser freigab und zurückfiel und damit die Stille nicht brach, sondern ihr eine Form gab. Ich blieb lange stehen und dachte: Das ist kein Gärtnerhandwerk mehr. Das ist eine Aussage über die Zeit.
Was ist Niwaki?
Was ich in jenem Garten erlebte, ist das Wesen des Niwaki — eines Begriffs, der sich schlicht aus niwa (庭, Garten) und ki (木, Baum) zusammensetzt und wörtlich «Gartenbaum» bedeutet, der aber in Wirklichkeit eine jahrtausendealte Praxis bezeichnet, deren erste belegte Zeugnisse bis ins 6. Jahrhundert reichen, als buddhistische Mönche Bäume aus den Bergen holten und ihnen durch geduldigen Schnitt eine verdichtete Gestalt gaben; der tiefere Ursprung liegt aber noch älter im Shinto, in der Überzeugung, die die japanische Gartenkultur bis heute trägt, dass Bäume und Sträucher Gefässe des Göttlichen sein können — und dass diese Göttlichkeit durch Formgebung nicht verdrängt wird, sondern erst durch sie sichtbar.
Das Ziel des Niwaki ist nicht, eine Pflanze zu einem Kunstobjekt zu machen, sondern das Gegenteil: die essentielle Struktur freizulegen, zu enthüllen, was der ungezügelte Wuchs verbirgt — denn jede Pflanze, so die japanische Überzeugung, trägt in sich bereits die Form, die ihr zukommt, und die Aufgabe des Gärtners ist es, zuzuhören.
Warum die Satsuki-Azalee?
Unter allen Pflanzen, die japanische Gärtner für dieses Handwerk wählen, nimmt die Satsuki-Azalee (Rhododendron indicum und ihre Hybriden) einen besonderen Rang ein, und der Name verrät bereits, welch tiefen Platz sie in der japanischen Gartenkultur einnimmt: Satsuki bedeutet «fünfter Monat» — so bezeichneten die alten Japaner nach dem Mondkalender jene Wochen, in denen diese Azaleen-Gruppe, die älteste und am sorgfältigsten kultivierte, ihre Blüten entfaltet.
Sie wird seit mindestens fünfhundert Jahren in Japan geformt, ausgewählt und weiterveredelt, bis Hunderte von Sorten entstanden, benannt nach Göttern, Gedichten und Flüssen. Was die Satsuki für den Niwaki unersetzlich macht, ist dabei nicht zuerst ihre Blüte, sondern die Textur: die kleinen, eher dunklen Blätter, der kompakte, bereitwillig verzweigende Wuchs, die Toleranz gegenüber hartem Rückschnitt und die Fähigkeit, eine gegebene Form Jahr für Jahr zu vertiefen.
In Japan gilt ausdrücklich: Beim Niwaki steht die Form im Vordergrund — die Blüte ist Geschenk, nicht Zweck —, eine Maxime, die uns zunächst befremden mag, dann aber eine befreiende Klarheit gewinnt.
Raikyu-ji: Azaleen als Meereswellen

Ein wunderbares Zeugnis dieser Tradition liegt in der Präfektur Okayama, im Tempelgarten des Raikyu-ji, den Kobori Enshu — Feudalherr, Teemeister, Dichter und vielleicht der bedeutendste Gartenmeister der frühen Edo-Zeit — zwischen 1617 und 1619 anlegen liess. Heute gilt der Garten als “Besondere Sehenswürdigkeit”. Was Enshu hier schuf, hat eine Kühnheit, die einen noch immer atemlos macht: Die Satsuki-Azaleen der vorderen Partien sind in die Form der Seigaiha geschnitten — jenes uralte japanische Ornamentmuster der “Blauen Meereswellen”, sanft rollende, übereinanderliegende Bögen, die das endlose Spiel der See darstellen und seit Jahrhunderten als Glückssymbol gelten.
Diese Azaleen sind nicht gepflanzt, um zu blühen; sie sind gepflanzt, um das Meer darzustellen — und hinter ihnen, in geraden Reihen, Tsubaki-Kamelien als Rücken der Wellen, davor weisser Sand als Meeresspiegel: eine Komposition, die erst vollständig begriffen ist, wenn man weiss, dass Enshu alle Elemente — Stein, Pflanze, Sand, Form — als eine einzige Sprache behandelte, in der nichts Dekoration ist und alles Aussage.

Der erste Formschnitt im Mai
Im Mai — nach dem grossen Frühlings-Auftakt der Kurume- und Kirishima-Azaleen, wenn nun die Satsuki-Knospen anschwellen —, ist für uns in der Schweiz genau jener Moment erreicht, den japanische Gärtner seit Jahrhunderten als den entscheidenden kennen: das kurze Fenster nach der Blüte, das sich öffnet und schnell wieder schliesst, in dem der erste Formschnitt des Jahres gesetzt werden muss, noch bevor die Pflanze beginnt, die Blütenknospen für das nächste Jahr anzulegen, was bei den meisten Sorten vier bis sechs Wochen nach dem Verblühen geschieht.
In Japan ist dieser Schnitt ein Dialog: Man tritt zurück, betrachtet die Pflanze aus einiger Distanz, folgt mit dem Auge den Konturen, und dann setzt man, mit einer scharfen, leichten Formierschere, das behutsame Nachziehen der Form, die man dem Strauch Jahr für Jahr beibringt — Wolken, Kissen, Wellen. Die japanische Azalee ist für diese Praxis ausserordentlich dankbar: Ihr dichtes Blattwerk und ihre schnelle Reaktion auf Schnitt ermöglichen es, innerhalb von Jahren — nicht Jahrzehnten — eine Form entstehen zu sehen, die der Pflanze wirklich zu gehören beginnt.
Niwaki als Haltung zur Zeit
Was mich am tiefsten bewegt, wenn ich an Niwaki denke — nicht nur als Technik, sondern als innere Haltung —, ist eine ganz bestimmte Qualität der Zeit, die diese Arbeit voraussetzt und gleichzeitig erzeugt: Eine Azalee, die man jetzt, im Mai dieses Jahres, zum ersten Mal in eine Form zu führen beginnt, wird in zehn Jahren anfangen, diese Form von sich aus zu suchen; in zwanzig Jahren wird sie sie kennen; in dreissig Jahren wird sie aussehen, als habe sie sie immer gehabt, als sei sie aus ihr hervorgegangen wie ein Gedanke aus einem stillen Geist.
Es muss gesagt werden, dass diese Vorstellung — einen Garten nicht für die eigene Lebenszeit zu pflanzen, sondern für die Zeit, die nach einem kommt —, etwas in sich trägt, das über alle praktische Gartenpflege weit hinausreicht und das einem, wenn man es einmal wirklich gespürt hat, die Hände ruhiger macht, wenn man die Schere anlegt, ruhiger und gewissenhafter zugleich.
Quellen
— Wikipedia: Niwaki
— ROJI Japanische Gärten: Okarikomi – Geschnittene Wellen im japanischen Garten
— North American Japanese Garden Association: Okarikomi by Nicole LaPlante
— Jake Hobson / Niwaki.com: Niwaki – The Story So Far
— JHistories: Raikyuji Temple Garden: Kobori Enshu and the Aesthetic of Kirei-Sabi
— Seattle Japanese Garden: Satsuki Evergreen Azaleas – Seattle Japanese Garden
— Discover Kyoto: Shisen-do Jozan-ji, Kyoto
— RHS: Cloud Pruning: Japanese Garden Style
