Karikomi – die stille Kunst, eine Azalee zu formen

Es gibt einen Augenblick, kurz nach dem letzten Verglimmen der Blüten und noch vor dem grünen Ausbruch des Mai-Austriebs, in dem die Japanische Azalee, wenn man sie denn gewohnt ist, als Formpflanze zu halten, gleichsam den Atem anhält – und genau in diesen zwei, drei Wochen zwischen Mitte und Ende Mai beginnt jene jahrhundertealte japanische Geste, die man im Westen oft mit dem allzu neutralen Wort «Formschnitt» übersetzt und die, in ihrer eigentlichen Tiefe, doch etwas viel Grösseres ist: Karikomi, das «Zurückscheren». Wer sich einmal auf diese Geste einlässt, wird nicht nur einen Strauch in die Hand nehmen, sondern ein halbes Jahrtausend Gartenphilosophie – und wird verstehen, warum in Japan seit dem sechzehnten Jahrhundert die Blüte einer Azalee als Zwischenspiel gilt und nicht als Hauptsache.
Karikomi, Tamamono, Okarikomi: drei Begriffe
Die drei Begriffe, die das japanische Schneiden der Azalee beschreiben, lohnen sich zu kennen, weil sie eigentlich drei verschiedene Zustände einer einzigen Pflanze beschreiben. Karikomi, wörtlich «zurückgeschnitten», bezeichnet die Tätigkeit selbst – jenes regelmässige, stets wiederkehrende Zurücknehmen des jungen Austriebs, das aus einem sonst wild wachsenden Busch eine geometrisch ruhige Skulptur macht. Tamamono, «der runde Körper», ist das Ergebnis dieser Arbeit an einer einzelnen Pflanze: ein halbkugeliger, doppelt so breiter wie hoher Wölbungs-Hügel, der, ganz im japanischen Sinn, «wie ein halb vergrabener Findling» auf dem Gartenboden ruht. Und Okarikomi, schliesslich, ist die grosse Schwester dieser Form – mehrere Tamamono so nebeneinander gepflanzt und gemeinsam geschnitten, dass sie zu einer zusammenhängenden Landschaft wogender, wellenförmiger Körper werden, die man in den berühmten Gärten von Kyoto als vertraute, beinahe atmende Präsenz wiederfindet.
Woher Karikomi kommt
Die historische Spur reicht zurück in die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts, und wer sich wirklich in das Thema vertiefen möchte, liest irgendwann das Buch Niwaki des Engländers Jake Hobson, eines Bildhauers und Slade-School-Absolventen, der in den späten neunziger Jahren ein Stipendium bekam, an der Furukawa Teijuen-Gärtnerei bei Osaka zu studieren und dort das zu lernen, was in Japan über Jahrhunderte hinweg von Meister zu Schüler weitergegeben wurde: die traditionellen Handwerkstechniken des Karikomi, der gebogenen Heckenschere, des gezielten Lichtens im Inneren der Pflanze und der selten gewordenen Fähigkeit, einen Strauch so zu lesen, dass der Schnitt ihn nicht beschneidet, sondern im Gegenteil weiter öffnet. Seither hat Hobson mit seiner Werkstatt in Dorset das meiste zur Verbreitung dieser Geste im englischsprachigen Raum beigetragen – ein stiller, langsamer Kulturtransfer, der unseren eigenen Gärten gerade jetzt zugutekommen könnte.
Warum die Form mehr zählt als die Blüte
Die philosophische Pointe des Karikomi liegt darin, dass die Japaner an der Japanischen Azalee – die im Westen gerne als «blühende Buchsalternative» verstanden wird – vor allem die Form, nicht die Blüte schätzen. Die Blüte, so sagt man, sei der Moment der grossen Zustimmung, das gegenseitige Lächeln zwischen Pflanze und Betrachter; die Form aber sei das Gesicht, das die Pflanze die übrigen elf Monate zeigt. Aus dieser Beobachtung folgt alles Weitere: der Schnitt unmittelbar nach dem Abblühen, bevor die Pflanze die neuen Knospen für das kommende Jahr ansetzt; das Verwenden einer hasami – der leicht gebogenen Japanischen Heckenschere – anstelle der westlichen geraden Schere, weil nur die gebogene Schneide dem runden Körper folgen kann; das Prinzip der basalen Dominanz, nach dem man den unteren Teil des Tamamono etwas stärker als den oberen stehen lässt, damit die Pflanze nicht ausblättert; und jener unsichtbare dritte Arbeitsgang – das Ausschneiden alter, dichter Innenzweige im Spätsommer – der dem Busch nicht die Form, sondern das Licht gibt.

Karikomi im Schweizer Garten
Für den Garten in der Schweiz, gerade im Mai, ist die Einladung einfach und zugleich anspruchsvoll: wer eine oder mehrere Japanische Azaleen pflegt, steht in diesen Tagen vor der Entscheidung, ob er sie als freiwachsende Büsche, als pflegeleichte Halbkissen oder als vollwertige Tamamono halten möchte. Die dritte Möglichkeit verlangt, das muss gesagt werden, eine gewisse Beharrlichkeit über die Jahre – doch wer sich darauf einlässt, wird mit dem Jahr der fünften oder sechsten Pflege feststellen, dass die eigene Azalee aufhört, eine «blühende Pflanze» zu sein, und stattdessen zu einem stillen, formgewordenen Körper im Garten wird, der die Jahreszeiten trägt: ein Ankerpunkt, nicht anders als der Findling, in dessen Nähe er steht. Und dann, wenn im nächsten Frühling die Blüte kommt, wirkt sie plötzlich doppelt stark – nicht weil sie mehr geworden wäre, sondern weil die Form sie rahmt.
Quellen
— Seattle Japanese Garden: Karikomi, the Art of Shearing Back
— Seattle Japanese Garden: Tamamono: The Serenity of Foreground Shrubs
— Real Japanese Gardens: Pruning shrubs in Japanese gardens (Karikomi)
— North American Japanese Garden Association: Okarikomi – Nicole LaPlante über die grosse Form
— Jake Hobson: Niwaki – Pruning, Training and Shaping Trees the Japanese Way (Timber Press, 2007)
— Japanese Garden Design: Flowering Clipped Azaleas and Rhododendrons
— Niwaki UK: Jake Hobson und die Furukawa Teijuen-Tradition aus Osaka
