Die Ohrläppchenkrankheit – ein japanischer Pilz im Mai

Es war, ich erinnere mich noch genau, an einem dieser unerwartet schwülen Tage im ausgehenden April, als ich bei der morgendlichen Kontrolle meiner Kurume-Azaleen zwischen den letzten verglimmenden Blütenresten eine seltsame, fleischig verdickte und beinahe ohrförmig aufgerollte Bildung entdeckte, die sich dort, wo eigentlich ein frisches, zartgrünes Blatt hätte stehen sollen, wie ein kleines, wildfremdes Organ an den Zweig schmiegte. Wer es zum ersten Mal sieht, glaubt zunächst an eine Laune der Natur, an ein missgedeutetes Blatt, vielleicht gar an ein fremdländisches Insekt, das dort einen Kokon gesponnen hätte; in Wahrheit aber steht man, mit dieser unheimlichen kleinen Wucherung zwischen den Fingern, vor einer der bemerkenswertesten und zugleich am wenigsten verstandenen Erscheinungen, die das Leben im Japanischen-Azaleen-Garten im Mai bereithält – der Ohrläppchenkrankheit.
Der deutsche Name ist, das muss gesagt werden, wunderbar treffend: jene rosa-weiss schimmernden, fleischigen Gallen, die sich an Blättern, jungen Trieben oder gelegentlich an ganzen Knospen bilden, erinnern tatsächlich an kleine Ohren – weich, rundlich, durchscheinend, manchmal kaum grösser als eine Erbse, in besonders nassen Jahren aber bis zur Pflaumengrösse anschwellend. Der Verursacher trägt einen Namen, der bereits seine ganze Herkunft in sich trägt: Exobasidium japonicum, jener Pilz aus der Familie der Exobasidiaceae, der seine Sporen nicht, wie die meisten seiner Verwandten, im Inneren eines Fruchtkörpers reifen lässt, sondern – ganz seinem Namen entsprechend, von griechisch exo, aussen, und basidion, kleiner Sockel – die Sporen offen und mehlig weiss auf der Oberfläche seiner Gallen preisgibt.
Dass der Pilz japonicum heisst, ist keine Beiläufigkeit. Es war im Jahr 1896, als der Tokioer Forstbotaniker Mitsutaro Shirai, der später, zwischen 1906 und 1925, als erster Lehrstuhlinhaber für Pflanzenpathologie an der Kaiserlichen Universität Tokio amtieren und als Gründungsvater der japanischen Phytopathologie in die Wissenschaftsgeschichte eingehen sollte, die Krankheit erstmals systematisch beschrieb und den Pilz in der Botanical Magazine (Tokyo), Band 10, Seite 52, der Welt vorstellte. Shirai, der in den Jahren 1899 bis 1901 in Deutschland bei Paul Hennings arbeitete und dessen rund sechstausend Bände umfassende Fachbibliothek heute in der japanischen Nationalbibliothek als «Shirai Collection» bewahrt wird, hat damit, ohne es zu ahnen, eine Spur gelegt, der jeder von uns heute im Garten folgt, wenn er sich im Mai vor seinen Azaleen niederbeugt und diese eigenartigen Blätter pflückt.
Was mich an dieser Geschichte rührt, ist der Gedanke, dass die Pflanzen, die aus Japan über Gent, London und Boskoop zu uns in die Schweizer Gärten gelangten, zugleich die Sporen ihres eigenen, ebenso japanischen Parasiten mitgebracht haben – und dass wir heute, zwischen dem letzten Verblühen und dem ersten Austrieb der neuen Mai-Blätter, einem kleinen biologischen Echo jener fernen Shogun-Gärten begegnen, in denen schon vor vierhundert Jahren die Satsuki gezüchtet wurden.
Der Lebenszyklus dieses Pilzes ist, wenn man ihn einmal kennt, fast von einer eigenen, stillen Schönheit: die Sporen überwintern, kaum wahrnehmbar, zwischen den Schuppen der Knospen, keimen in der feuchten Wärme des Vorfrühlings – bei etwa sechzehn bis zweiundzwanzig Grad, nach einer milden, regenreichen Woche –, dringen durch die Spaltöffnungen der sich entfaltenden Blätter ein und beginnen, deren Gewebe so umzuformen, dass an Stelle eines normalen Blattes jene charakteristische, fleischig-verdickte Galle entsteht. Zuerst zart grün, dann rötlich angehaucht, reifen diese Gallen im Mai, und ab Mitte Juni, wenn das Wetter wieder trockener wird, überzieht sich ihre Oberfläche mit jener berühmten, mehlig-weissen Schicht von Basidiosporen, die dem Pilz seinen botanischen Namen verdankt und zugleich, getragen von Spritzwasser und feuchter Luft, die nächste Infektionsrunde einleiten würde, wenn wir nichts unternähmen.
Und hier beginnt, ganz unspektakulär, der gärtnerische Teil dieser Geschichte. Die wirksamste Massnahme, seit Shirai sie in Tokio beschrieb, hat sich in hundertdreissig Jahren kaum verändert: man pflückt die Gallen, bevor sie weiss werden. Ein kurzer Morgengang durch den Garten, ein wacher Blick auf die jungen Triebe, ein rascher Griff – und die Galle wandert nicht auf den Kompost, der das Problem nur konservieren würde, sondern in den Hausabfall. Begleitend hilft alles, was mit Licht und Luft zu tun hat: ein Standort mit guter Durchlüftung, kein enges, schattiges Beet, kein Gartenschlauch, der das Laub im Frühjahr von oben tränkt, kein Schneiden bei Nässe. Ein vorbeugendes Spritzen mit Kupferpräparaten wie der klassischen Bouillie Bordelaise, vor dem Austrieb ausgebracht, wird man nur bei jahrelang stark befallenen Pflanzen ernsthaft in Erwägung ziehen; bei der grossen Mehrheit der Japanischen Azaleen reicht das aufmerksame Auge.
Man bedenke dabei, und das scheint mir der tröstliche Schlussakkord dieser kleinen mykologischen Reise zu sein, dass die Ohrläppchenkrankheit, so irritierend sie in den ersten Mai-Tagen wirken mag, die Pflanze nicht ernstlich gefährdet: sie verunziert, sie ärgert, aber sie tötet nicht. Und vielleicht gehört es, am Ende, zur Wahrheit eines Gartens mit Japanischen Azaleen, dass man in ihm nicht nur ihre Blüten und ihre Form, sondern auch ihre Schatten, ihre Parasiten, ihre leisen Anomalien mit in die Hand nehmen darf – als eine stille Verneigung vor jener langen, von Tokio bis in die Schweiz reichenden Kette von Gärtnern, die vor uns, im gleichen Mai, die gleichen seltsamen kleinen Ohren zwischen den Fingern gehalten haben.
Quellen
— Royal Horticultural Society (UK): Azalea gall – Causes, Symptoms & Control
— University of Massachusetts Amherst, Center for Agriculture: Exobasidium Gall of Rhododendron and Azalea
— Baumschule Hachmann, Barmstedt: Azaleen-Ohrläppchen-Krankheit
— Arbofux Diagnose-Datenbank für Gehölze: Ohrläppchenkrankheit
— Wikipedia (en): Mitsutaro Shirai (1863–1932)
— Japanese Journal of Phytopathology: Zum hundertsten Geburtstag von Dr. Mitsutaro Shirai
— Global Biodiversity Information Facility: Exobasidium japonicum Shirai, 1896
— Graafland, W. (1960): The parasitism of Exobasidium japonicum Shir. on Azalea, Acta Botanica Neerlandica
